← Zurück zu allen Beiträgen Lion's Mane (Hericium erinaceus): Neurogenese, NGF und Kognition – Studienlage, Dosierung und Anwendung 2026

Lion's Mane (Hericium erinaceus): Wirkung auf Neurogenese, NGF und Kognition – Was die Studienlage 2026 wirklich zeigt

Lion's Mane, im Deutschen auch Igelstachelbart oder Hericium erinaceus, ist in den letzten Jahren von einer fernöstlichen Delikatesse zum Lieblings-Nootropikum der Biohacker- und Longevity-Szene aufgestiegen. Der Pilz mit dem charakteristischen weißen, mähnenartigen Fruchtkörper soll nicht weniger leisten, als das Gehirn zu regenerieren – über die Stimulation des Nervenwachstumsfaktors NGF, des Brain-Derived Neurotrophic Factor (BDNF) und über bislang nur teilweise verstandene Mechanismen der hippocampalen Neurogenese. In diesem Artikel arbeiten wir uns durch das, was Lion's Mane biochemisch wirklich ist, welche aktiven Substanzen identifiziert wurden, was randomisierte Studien zu Kognition, leichter kognitiver Beeinträchtigung, Stimmung und Nervenregeneration zeigen, und worauf du beim Kauf eines Lion's-Mane-Präparats unbedingt achten solltest.

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Was ist Lion's Mane und wo kommt er her?

Lion's Mane ist der englische Trivialname für Hericium erinaceus, einen Speise- und Heilpilz aus der Familie der Stachelbartverwandten (Hericiaceae). In Asien – vor allem in China, Japan und Korea – wird er seit Jahrhunderten als Speisepilz geschätzt; in der traditionellen chinesischen Medizin firmiert er unter dem Namen Hou Tou Gu und wurde bei Magen-Darm-Beschwerden und allgemeiner Schwäche eingesetzt. Sein botanisch korrekter deutscher Name lautet Igelstachelbart, der Fruchtkörper bildet weiße, herabhängende Stacheln von zwei bis fünf Zentimetern Länge – daher die Lieblingsmetapher von der Mähne eines Löwen oder dem Bart eines weisen Mönchs.

Der Pilz wächst weltweit in gemäßigten Zonen auf totem Hartholz, vor allem auf Buchen und Eichen. In Mitteleuropa ist er selten und steht in Deutschland unter Naturschutz, weshalb das Sammeln im Wald nicht erlaubt ist. Praktisch alles, was als Lebensmittel oder Supplement verkauft wird, stammt heute aus kontrollierter Substratkultur auf Buchenholz, Sägespänen oder einer Mischung aus Getreide und Holzpellets.

Pharmakologisch und supplementär relevant sind zwei verschiedene Pilzanteile, die nicht das gleiche sind und deren Verwechslung den Markt verseucht. Der Fruchtkörper – also der oberirdische, essbare Teil – enthält die für das Gehirn wichtigsten lipophilen Sekundärmetabolite, die Hericenone. Das Myzel, das unterirdische, fadenartige Wurzelgeflecht, das im Industriestandard auf einem Getreidesubstrat gezogen wird, enthält die ebenfalls neurotrophen Erinacine. Beide Stoffklassen wirken auf den NGF-Stoffwechsel, sind aber chemisch verschieden und auch nicht in beiden Pilzanteilen in gleicher Konzentration vorhanden. Wer Lion's Mane kauft, sollte wissen, welche Fraktion er erwischt – dazu unten mehr.

In der EU ist Lion's Mane als „Novel Food" für getrocknete Fruchtkörper und Pulver zugelassen und darf als Nahrungsergänzungsmittel vermarktet werden. Krankheitsbezogene Werbeaussagen sind verboten, allgemeine Bezüge zu „Konzentration" und „Wohlbefinden" sind in der Praxis üblich, aber nicht klinisch validiert.

Aktive Inhaltsstoffe: Hericenone und Erinacine

Die beiden wirksamkeitsbestimmenden Stoffklassen sind chemisch nahe verwandt, aber durch ihre Lokalisation und Bioverfügbarkeit deutlich getrennt.

Hericenone (A bis I) sind aromatische Verbindungen mit einer fettlöslichen Seitenkette. Sie sitzen fast ausschließlich im Fruchtkörper. Hericenon C, D und E gelten als die wichtigsten NGF-Induktoren im Fruchtkörper-Extrakt. In Zellkultur stimulieren sie die Sekretion von NGF aus Astrozyten in mikromolaren Konzentrationen (Mori K et al., Biological & Pharmaceutical Bulletin 2008).

Erinacine (A bis K) sind Cyathane-Diterpenoide. Sie entstehen ausschließlich im Myzel, nicht im Fruchtkörper. Erinacin A ist der prominenteste Vertreter, durchquert die Blut-Hirn-Schranke und ist in mehreren Tierstudien die treibende Kraft hinter der NGF-Induktion bei oraler Verabreichung (Kawagishi H et al., Tetrahedron Letters 1994; Lee LY et al., Nutrients 2021). Erinacin-A-angereicherte Myzel-Präparate sind die einzigen Lion's-Mane-Produkte, die in kontrollierten Humanstudien an Patienten mit Alzheimer-Demenz untersucht wurden.

Die Konsequenz für den Käufer: Ein reiner Fruchtkörper-Extrakt liefert Hericenone, ein Myzel-Extrakt liefert Erinacine, und nur ein dualer Extrakt aus beiden Anteilen liefert das volle Spektrum. Viele günstige Produkte werben mit „Lion's Mane Extrakt", verwenden aber ausschließlich gekörntes Myzel-Getreide-Substrat, das nur einen Bruchteil der aktiven Substanzen enthält – mehr Stärke als Pilz.

Wirkmechanismus: Wie Lion's Mane im Gehirn wirkt

Lion's Mane ist eines der wenigen Nahrungsergänzungsmittel, die einen plausiblen, mehrfach replizierten molekularen Wirkmechanismus auf das Zentralnervensystem haben.

1. Stimulation des Nervenwachstumsfaktors NGF

NGF (Nerve Growth Factor) ist ein neurotrophes Protein, das das Überleben, die Differenzierung und das Wachstum sensorischer, sympathischer und cholinerger Neurone reguliert. NGF kann die Blut-Hirn-Schranke nicht überschreiten – ein direktes Gabeproblem, das die klinische Nutzung von NGF lange verhindert hat. Hericenone und Erinacine sind klein und lipophil genug, um die Blut-Hirn-Schranke zu überqueren und im Gehirn lokal die NGF-Synthese in Astrozyten und Mikroglia anzuregen (Mori K, Obara Y et al., Biological & Pharmaceutical Bulletin 2008; Lai PL et al., International Journal of Medicinal Mushrooms 2013).

2. Erhöhung von BDNF

Neben NGF erhöht Lion's Mane in Tier- und Zellmodellen auch den Brain-Derived Neurotrophic Factor (BDNF) – ein zentraler Player für synaptische Plastizität, hippocampale Neurogenese, Gedächtnisbildung und Stimmungsregulation. In einer Maus-Studie reduzierte ein Lion's-Mane-Extrakt depressionsähnliches Verhalten und erhöhte gleichzeitig hippocampales BDNF dosisabhängig (Chiu CH et al., International Journal of Molecular Sciences 2018).

3. Hippocampale Neurogenese

Mehrere Studien zeigen, dass Lion's-Mane-Extrakte die Anzahl proliferierender Vorläuferzellen im Gyrus dentatus des Hippocampus erhöhen – also genau in der Region, in der erwachsene Neurogenese stattfindet (Brandalise F et al., Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine 2017). Funktionell zeigte sich dies in verbesserter räumlicher Gedächtnisleistung im Morris-Water-Maze und in einer gesteigerten Mossy-Fiber-CA3-Synapsen-Transmission.

4. Anti-Entzündung und Mikroglia-Modulation

Erinacin A und Hericenon-haltige Fraktionen reduzieren in Tiermodellen die Aktivierung von Mikroglia und die Sekretion von TNF-α, IL-6 und IL-1β in neuronalen Geweben. Da Neuroinflammation als zentraler Treiber von altersbedingtem kognitiven Abbau und Demenz gilt, ist dieser Mechanismus klinisch besonders interessant.

5. Antioxidative Wirkung und Myelin-Reparatur

Lion's-Mane-Polysaccharide haben in vitro antioxidative Eigenschaften, und in Tierstudien zur peripheren Nervenverletzung beschleunigten Hericium-Extrakte die Reparatur der Myelinscheide nach Quetschung des Ischiasnervs (Wong KH et al., Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine 2011). Diese Daten bilden die Grundlage der Hypothese, dass Lion's Mane bei peripheren Neuropathien einen unterstützenden Effekt haben könnte.

Studienlage zu Kognition beim Menschen

Mori et al. 2009: Die japanische Pilotstudie

Die meistzitierte Lion's-Mane-Humanstudie kommt aus Japan: Mori K, Inatomi S, Ouchi K, Azumi Y und Tuchida T (Phytotherapy Research 2009) randomisierten 30 ältere japanische Erwachsene (Alter 50 bis 80) mit leichter kognitiver Beeinträchtigung zu 3 × 250 mg Lion's-Mane-Fruchtkörper-Pulver (96 Prozent reines Pulver, also rund 720 mg Wirkstoff täglich) oder Placebo über 16 Wochen. Im kognitiven Test (Revised Hasegawa Dementia Scale) verbesserten sich die Lion's-Mane-Probanden signifikant gegenüber Placebo. Vier Wochen nach Absetzen fielen die Scores wieder ab – ein Hinweis darauf, dass der Effekt zwar real, aber nicht permanent ist und kontinuierliche Einnahme braucht.

Saitsu et al. 2019: Gesunde Erwachsene

Saitsu Y, Nishide A, Kikushima K, Shimizu K und Ohnuki K (Biomedical Research 2019) untersuchten 31 gesunde Erwachsene (über 50) mit subjektiven Gedächtnisbeschwerden über 12 Wochen mit 3,2 g Lion's-Mane-Pulver täglich. Im MMSE und im Cognitive Function Score verbesserten sich die Lion's-Mane-Probanden signifikant gegenüber Placebo. Keine schwerwiegenden Nebenwirkungen.

Li IC et al. 2020: Erinacin-A-Myzel bei Alzheimer

Die methodisch sauberste Studie zu Lion's Mane in einer klinisch diagnostizierten Population ist die randomisierte, placebokontrollierte Studie von Li IC, Chang HH, Lin CH et al. (Frontiers in Aging Neuroscience 2020) aus Taiwan. 49 Patienten mit milder Alzheimer-Demenz wurden über 49 Wochen mit 3 × 350 mg Erinacin-A-angereichertem Hericium-Myzel oder Placebo behandelt. Im Cognitive Abilities Screening Instrument (CASI) und im MMSE zeigten die Lion's-Mane-Patienten signifikante Verbesserungen, während die Placebo-Gruppe verschlechterte Werte aufwies. Die Studie ist klein, aber die Effektgrößen waren bemerkenswert.

Docherty et al. 2023: Akute Effekte

Docherty S, Doughty FL und Smith AD (Nutrients 2023) führten eine randomisierte placebokontrollierte Studie an 41 jungen, gesunden Erwachsenen durch. Eine Einzeldosis von 1,8 g Lion's-Mane-Pulver verbesserte die Verarbeitungsgeschwindigkeit im Stroop-Test bereits 60 Minuten nach Einnahme signifikant gegenüber Placebo. Nach 28 Tagen kontinuierlicher Einnahme verringerte sich zusätzlich die subjektiv berichtete Stress-Wahrnehmung. Die Studie ist wertvoll, weil sie eine akute, nicht nur kumulative Wirkkomponente zeigt – ähnlich wie bei L-Theanin.

Vigna et al. 2019: Stimmungsstudie

Vigna L, Morelli F, Agnelli GM, Napolitano F, Ratto D, Occhinegro A et al. (Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine 2019) untersuchten 77 übergewichtige Probanden mit Stimmungsbeschwerden über 8 Wochen. Lion's Mane verbesserte gegenüber Placebo die Depressions-, Angst- und Schlaf-Scores signifikant. Die Effekte waren moderat, aber konsistent.

Studienlage zu peripheren Nerven

Die Daten zur Reparatur peripherer Nerven beim Menschen sind dünn – es gibt überwiegend Tierdaten (Wong KH et al. 2011). Die Ratten-Daten zur beschleunigten Myelinscheiden-Reparatur sind robust, der Schritt zur Humananwendung bei diabetischer Neuropathie, Karpaltunnel-Syndrom oder posttraumatischer Nervenläsion bleibt aber spekulativ. Eine klinische Studie bei Patienten mit diabetischer Polyneuropathie hat die Gruppe um Wong angekündigt, Daten sind aber noch nicht publiziert.

Dosierung und Anwendung

Ziel Dosis (Pulver oder Extrakt) Form Dauer
Kognitiver Erhalt im Alter 1.000–3.000 mg/Tag Fruchtkörper + Myzel ab 8–12 Wochen
MCI/leichte Demenz (adjuvant) 1.000–1.500 mg/Tag Erinacin-A-Myzel bevorzugt ab 16–49 Wochen
Akuter Fokus (Studierende) 1.500–2.000 mg Fruchtkörper-Extrakt 60 min vor Aufgabe
Stimmung und Stress 500–1.000 mg/Tag Dual-Extrakt ab 4–8 Wochen
Periphere Nervenregeneration (off-label) 1.000–3.000 mg/Tag Dual-Extrakt ab 8 Wochen

Lion's Mane wirkt nicht akut wie Koffein und auch nicht über Tage wie Ashwagandha – die Studienlage zeigt mehrheitlich Effekte ab vier bis sechs Wochen kontinuierlicher Einnahme, mit deutlicher Verstärkung bis Woche 12 bis 16. Eine kurzfristige Cuvée von zwei Wochen ist sinnloses Geld verbrennen.

Einnahme zu den Mahlzeiten ist empfehlenswert – Hericenone sind lipophil und werden mit fetthaltiger Nahrung besser resorbiert. Aufteilen auf zwei oder drei Einzeldosen über den Tag verteilt verbessert die kontinuierliche Wirkstoff-Verfügbarkeit. Eine Einnahme vor dem Schlaf ist möglich, manche Anwender berichten aber von intensiveren Träumen – ein Phänomen, das mit der gesteigerten cholinergen Aktivität zusammenhängen könnte und kein Zeichen für ein Problem ist.

Zykluspausen sind nicht zwingend nötig, aber sinnvoll: nach drei bis sechs Monaten kontinuierlicher Einnahme eine zwei- bis vierwöchige Pause einlegen. Tachyphylaxie (Wirkverlust durch Dauergabe) ist in der Literatur nicht dokumentiert, aber pharmakologisch nicht auszuschließen.

Vergleich mit Alternativen

Wer „kognitive Verbesserung" oder „neuroprotektiv" sucht, hat eine größere Auswahl als noch vor zehn Jahren. Hier die ehrliche Einordnung:

Substanz Wirkprofil Akut/chronisch Evidenzstärke Beste Anwendung
Lion's Mane NGF/BDNF, Neurogenese chronisch (8–16 Wo) mittel Kognitiver Erhalt, MCI, Stimmung
Bacopa monnieri Acetylcholin, Gedächtnis chronisch (8–12 Wo) mittel-hoch Lerngedächtnis, Studierende
L-Theanin Alpha-Wellen, Fokus akut + chronisch hoch Akuter Fokus mit Koffein
Rhodiola Rosea Stress, mentale Ausdauer akut + chronisch mittel Burnout, mentale Erschöpfung
Ashwagandha (KSM-66) HPA-Achse, Cortisol chronisch hoch Chronischer Stress
Omega-3 (EPA/DHA) Membran-Phospholipide chronisch hoch Allgemeine Neuroprotektion
Curcumin Anti-Inflammation, BDNF chronisch mittel Neuroinflammation
Coenzym Q10 (Ubichinol) Mitochondrien chronisch mittel Mitochondriale Energie
NAD+/NMN Mitochondrien, Sirtuine chronisch tierexperimentell Anti-Aging-Hypothese

Lion's Mane sticht durch den NGF-Mechanismus heraus – kein anderes legales, frei verkäufliches Supplement induziert beim Menschen so plausibel den Nervenwachstumsfaktor. Für reinen akuten Fokus ist L-Theanin mit Koffein die einfachere und billigere Wahl. Für altersbedingten kognitiven Abbau über mehrere Monate ist Lion's Mane die Substanz mit der eindrucksvollsten Datenlage – auch wenn die Studien klein sind.

Worauf du beim Kauf achten solltest

Fruchtkörper-basiert, nicht Getreide-Substrat-Myzel. Der häufigste Betrug am Markt: Ein Hersteller verkauft „Lion's Mane Pulver", das aus auf Hafer- oder Reisgranulat gezogenem Myzel besteht und nach Erntung samt Trägersubstrat vermahlen wird. Das Endprodukt enthält 60 bis 80 Prozent Stärke und nur einen Bruchteil des aktiven Pilzmaterials. Erkennbar an der Bezeichnung „Mycelium Biomass" oder „grown on rice/oats" – meiden.

Dual-Extrakt ist Gold-Standard. Hochwertige Produkte verwenden sowohl Fruchtkörper als auch reines Myzel und kombinieren eine Heißwasser-Extraktion (für Polysaccharide und Beta-Glucane) mit einer Alkohol-Extraktion (für die fettlöslichen Hericenone). Suche nach „Dual Extract" oder „Heißwasser- und Alkohol-Extraktion".

Standardisierter Polysaccharid-Gehalt. Seriöse Hersteller standardisieren auf mindestens 25 bis 30 Prozent Polysaccharide (manchmal weiter aufgeschlüsselt in Beta-Glucane). Unter 20 Prozent ist verdächtig.

Erinacin-A-Standardisierung. Wer das Maximum an neurotropher Wirkung will, sucht ein Präparat mit Erinacin-A-Standardisierung (mindestens 5 mg pro Gramm). Diese sind teurer, aber näher an den taiwanesischen Studien-Präparaten.

Analysenzertifikate auf Schwermetalle und Mykotoxine. Pilze akkumulieren Schwermetalle aus dem Substrat. Seriöse europäische und US-amerikanische Anbieter liefern auf Anfrage oder online Analysen für Blei, Cadmium, Arsen, Quecksilber – Werte sollten weit unter den EU-Grenzwerten liegen. Auch Mykotoxine (Aflatoxine, Ochratoxin) gehören in die Analyse.

Bio-Zertifikat. Bei Pilzen besonders relevant, weil sie das Substrat durchwurzeln und alles aufnehmen, was darin ist. EU-Bio oder USDA Organic sind verlässliche Standards.

Vorsicht bei „Polysaccharid-Bomben" mit irreführenden 50 Prozent-Angaben. Manche Hersteller zählen Stärke (alpha-1,4-Glukose) als „Polysaccharid". Aussagekräftig ist nur der Beta-1,3/1,6-Glucan-Gehalt – und der liegt selbst bei sehr guten Extrakten unter 30 Prozent.

Sicherheit und Nebenwirkungen

Lion's Mane gilt als sehr sicher. Es hat in den USA den GRAS-Status, in Europa ist es als Novel Food zugelassen. In klinischen Studien mit Dosierungen bis 3 g täglich über fast ein Jahr wurden keine schwerwiegenden Nebenwirkungen berichtet.

Was vorkommt: gelegentlich leichte Verdauungsbeschwerden (Blähungen, weicher Stuhl) zu Beginn, vereinzelt Hautausschlag oder Juckreiz bei Pilz-Allergikern. Wer auf andere Speisepilze allergisch reagiert (Champignon, Austernseitling, Shiitake), sollte mit Vorsicht beginnen.

Wechselwirkungen sind dünn dokumentiert. Theoretische Bedenken bestehen bei gleichzeitiger Einnahme von Antikoagulanzien (Warfarin, DOAKs), weil einige Pilz-Polysaccharide die Thrombozyten-Aggregation schwach hemmen können – klinisch relevante Blutungsereignisse wurden nicht berichtet, aber bei diesen Medikamenten sicherheitshalber Rücksprache mit dem behandelnden Arzt.

Schwangere und Stillende sollten Lion's Mane als Supplement mangels Daten meiden. Als gelegentlicher Speisepilz im Risotto ist er unbedenklich.

Häufige Fehler bei der Lion's-Mane-Anwendung

Zu kurze Einnahmedauer. Wer nach zwei Wochen keinen Effekt spürt und enttäuscht absetzt, gibt der Substanz keine Chance. Die Mori-Studie zeigte signifikante Effekte erst ab Woche 8 bis 16. Drei Monate sind das Minimum für eine seriöse Beurteilung.

Mycelium-on-grain als „Extrakt" gekauft. Der oben beschriebene Betrug ist häufig genug, dass eine Mehrheit der billigen Amazon-Produkte unter zehn Euro pro Packung effektiv Hafer-Stärke ist. Wer am falschen Ende spart, supplementiert nichts.

Erwartung sofortiger nootropischer Wirkung. Lion's Mane ist kein L-Theanin und kein Modafinil. Der Mechanismus ist langsam, über Neurogenese und neurotrophe Faktoren – Effekte sind subtil und kumulativ, nicht akut.

Niedrige Dosis von 200 bis 500 mg. Die Studien-Wirkdosen liegen bei 1 bis 3 Gramm täglich. „Eine Kapsel zu 250 mg" ist eine Vitrinen-Dosis, keine therapeutische.

Verzicht auf Dual-Extraktion. Wer nur ein heißwasser-extrahiertes Pulver kauft, bekommt die Polysaccharide, verliert aber die fettlöslichen Hericenone. Für die volle NGF-Wirkung braucht es beide Extraktionen.

Fazit: Lion's Mane evidenzbasiert eingeordnet

Lion's Mane ist eines der wenigen Nootropika, bei denen der molekulare Mechanismus, die Tierdaten und die Humanstudien einigermaßen konsistent in dieselbe Richtung zeigen: ein modulierender, nicht stimulierender Effekt auf kognitive Funktionen, vermittelt über NGF, BDNF und hippocampale Neurogenese, mit klinisch nachweisbaren Effekten bei älteren Erwachsenen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung und in geringerem Maß auch bei jungen, gesunden Anwendern.

Wer als gesunder Erwachsener über 50 das Risiko altersbedingten kognitiven Abbaus reduzieren will, hat mit Lion's Mane eine evidenzbasiert plausible Wahl – realistisch sind kleine bis moderate Verbesserungen kognitiver Tests nach drei bis sechs Monaten, bei einem hervorragenden Sicherheitsprofil. Die Datenlage ist nicht so robust wie bei Omega-3 oder Mediterraner Ernährung, aber sie ist die beste, die ein einzelnes Supplement aktuell zu bieten hat.

Wer als gesunder junger Erwachsener Lion's Mane zur Performance-Steigerung im Job oder Studium nimmt, sollte realistische Erwartungen haben: messbare akute Effekte gibt es (Docherty 2023), sie sind aber kleiner als bei Koffein oder L-Theanin und brauchen kontinuierliche Einnahme über Wochen. Die Investition lohnt sich mehr für die langfristige neuroprotektive Komponente als für den Prüfungstag.

Wer eine diagnostizierte milde Demenz oder MCI hat, sollte Lion's Mane nur als Ergänzung zur ärztlich verordneten Therapie und nach Rücksprache nehmen – die taiwanesischen Erinacin-A-Daten sind ermutigend, ersetzen aber keine medizinische Standardtherapie.

Und wer einfach gerne kocht und experimentierfreudig ist: ein frischer Lion's-Mane-Fruchtkörper im Risotto oder als „Hummer-Imitat" in der Pfanne ist eine kulinarische Entdeckung – und liefert die Wirkstoffe als Nebeneffekt einer guten Mahlzeit gleich mit.

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Quellen:

  1. Mori K, Inatomi S, Ouchi K, Azumi Y, Tuchida T. Improving effects of the mushroom Yamabushitake (Hericium erinaceus) on mild cognitive impairment: a double-blind placebo-controlled clinical trial. Phytotherapy Research 2009; 23(3): 367–372. PubMed 18844328
  2. Li IC, Chang HH, Lin CH, Chen WP, Lu TH, Lee LY, Chen YW, Chen YP, Chen CC, Lin DPC. Prevention of Early Alzheimer's Disease by Erinacine A-Enriched Hericium erinaceus Mycelia Pilot Double-Blind Placebo-Controlled Study. Frontiers in Aging Neuroscience 2020; 12: 155. PMC7415575
  3. Saitsu Y, Nishide A, Kikushima K, Shimizu K, Ohnuki K. Improvement of cognitive functions by oral intake of Hericium erinaceus. Biomedical Research 2019; 40(4): 125–131. PubMed 31413233
  4. Docherty S, Doughty FL, Smith AD. The Acute and Chronic Effects of Lion's Mane Mushroom Supplementation on Cognitive Function, Stress and Mood in Young Adults: A Double-Blind, Parallel Groups, Pilot Study. Nutrients 2023; 15(22): 4842. PMC10675414
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  9. Vigna L, Morelli F, Agnelli GM, Napolitano F, Ratto D, Occhinegro A, Di Iorio C, Savino E, Girometta C, Brandalise F, Rossi P. Hericium erinaceus Improves Mood and Sleep Disorders in Patients Affected by Overweight or Obesity: Could Circulating Pro-BDNF and BDNF Be Potential Biomarkers? Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine 2019; 2019: 7861297. PMC6444236
  10. Wong KH, Naidu M, David P, Abdulla MA, Abdullah N, Kuppusamy UR, Sabaratnam V. Peripheral Nerve Regeneration Following Crush Injury to Rat Peroneal Nerve by Aqueous Extract of Medicinal Mushroom Hericium erinaceus (Bull.: Fr) Pers. (Aphyllophoromycetideae). Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine 2011; 2011: 580752. PMC3140014
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  12. Lee LY, Chou W, Chen WP, Wang MF, Chen YJ, Chen CC, Tung KC. Erinacine A-Enriched Hericium erinaceus Mycelium Delays Progression of Age-Related Cognitive Decline in Senescence Accelerated Mouse Prone 8 (SAMP8) Mice. Nutrients 2021; 13(10): 3659. PMC8541572