L-Theanin: Wirkung auf Fokus, Stress und Schlaf – Was die Studienlage 2026 wirklich zeigt
L-Theanin ist eine der wenigen Substanzen, die gleichzeitig beruhigend und konzentrationsfördernd wirken soll – ein pharmakologischer Spagat, der den Stoff zum heimlichen Liebling von Studenten, Wissensarbeitern, Biohackern und Schlafsuchenden gemacht hat. Im Schatten von Ashwagandha, Magnesium und Melatonin hat sich L-Theanin in den letzten Jahren leise zu einem der am besten untersuchten Nootropika überhaupt entwickelt. In diesem Artikel arbeiten wir uns durch das, was L-Theanin chemisch ist, wie es im Gehirn wirkt, was randomisierte Studien zu Stress, Konzentration, Angst und Schlaf zeigen, warum die Kombination mit Koffein zur Königsdisziplin geworden ist und worauf du beim Kauf achten solltest.
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L-Theanin ist eine nicht-proteinogene Aminosäure mit dem chemischen Namen γ-Glutamylethylamid (gamma-L-glutamylethylamide). Strukturell ist sie ein Verwandter der Glutaminsäure und des Glutamins, unterscheidet sich aber durch eine zusätzliche Ethyl-Gruppe – ein winziger Unterschied mit großen pharmakologischen Konsequenzen.
Entdeckt wurde L-Theanin 1949 von dem japanischen Forscher Yajiro Sakato, der die charakteristische Aminosäure des grünen Tees aus den Blättern von Camellia sinensis isolierte. Bis heute ist Tee – grüner, schwarzer und insbesondere die schattenbeschatteten Sorten Gyokuro und Matcha – die wichtigste natürliche Quelle. Ein Becher hochwertiger grüner Tee enthält je nach Sorte und Aufgussdauer zwischen 25 und 60 mg L-Theanin, ein klassischer Matcha kann sogar 40 bis 80 mg pro Portion erreichen. Industriell wird L-Theanin heute überwiegend biotechnologisch durch Fermentation oder enzymatische Synthese hergestellt (z. B. die patentierte Marke Suntheanine der Firma Taiyo), was die isomerenreine L-Form garantiert. Reines L-Theanin ist ein weißes, geschmacksneutrales bis leicht süßlich-umami schmeckendes Pulver, das im Wasser sehr gut löslich ist.
In der EU ist L-Theanin als Lebensmittelzutat und Nahrungsergänzungsmittel rechtlich unproblematisch. Es ist keine geschützte Substanz, kein Arzneimittel und unterliegt keinen besonderen Beschränkungen.
Wirkmechanismus: Wie L-Theanin im Gehirn wirkt
L-Theanin überquert die Blut-Hirn-Schranke innerhalb von 30 bis 45 Minuten nach oraler Einnahme – ein für eine Aminosäure ungewöhnlich schneller und effizienter Übertritt, der mit dem Leucin-Transporter LAT1 und teils dem Y+L-System erfolgt. Maximale Plasmaspiegel erreicht es typischerweise nach 45 bis 60 Minuten, die Halbwertszeit liegt bei rund 65 bis 75 Minuten (Scheid L et al., Cellular and Molecular Neurobiology 2012; Yamada T et al., Journal of Pharmacological Sciences 2008). Im Gehirn greift L-Theanin in mindestens vier zentrale Systeme ein – und genau diese Mehrgleisigkeit erklärt das ungewöhnliche Wirkprofil.
1. Modulation von GABA, Glutamat und Glycin
L-Theanin erhöht in Tiermodellen messbar die zentralen GABA-Spiegel und moduliert gleichzeitig die exzitatorische Glutamat-Neurotransmission – nicht über klassische GABA-A-Agonismus, sondern über eine Hemmung der Glutamat-Wiederaufnahme und eine partielle Blockade der NMDA- und AMPA-Rezeptoren (Kakuda T, Pharmacological Research 2011). Das Ergebnis ist eine gedämpfte exzitatorische Spitze ohne sedativen GABA-A-Effekt – L-Theanin macht also nicht müde wie ein Benzodiazepin oder ein Antihistaminikum, sondern reduziert das Hintergrundrauschen.
2. Anstieg der Alpha-Wellen im EEG
In mehreren Humanstudien konnte gezeigt werden, dass eine Einzeldosis von 100 bis 200 mg L-Theanin nach 30 bis 45 Minuten die Amplitude der Alpha-Wellen im EEG im Frequenzbereich von 8 bis 13 Hz signifikant erhöht (Nobre AC, Rao A & Owen GN, Asia Pacific Journal of Clinical Nutrition 2008). Alpha-Wellen sind das EEG-Korrelat eines „wachen, entspannten und gleichzeitig konzentrationsfähigen" Zustands – genau dem, den Meditierende, geübte Schachspieler und Musiker im sogenannten Flow-Zustand zeigen. Dieser Effekt ist dosisabhängig, reproduzierbar und in Magnetoenzephalographie-Studien (White DJ et al., Nutrients 2016) bestätigt.
3. Dopamin und Serotonin
Tierexperimentelle Daten zeigen, dass L-Theanin die Dopamin- und Serotonin-Konzentrationen in Hippocampus, Striatum und Hypothalamus moderat erhöht (Yokogoshi H et al., Neurochemical Research 1998). Das könnte die berichtete leicht stimmungsaufhellende und antidepressive Komponente erklären – wenngleich der Effekt auf klinische Depression beim Menschen bislang nur in offenen Studien angedeutet ist (Hidese S et al., Acta Neuropsychiatrica 2017).
4. Hemmung der Cortisol-Antwort auf Stressoren
In einer randomisierten Studie an gesunden Probanden mit experimentell ausgelöstem Stresstest (mathematische Aufgaben, sozialer Stress) reduzierte 200 mg L-Theanin den Anstieg der Speichel-Cortisol-Antwort signifikant gegenüber Placebo (Kimura K, Ozeki M, Juneja LR & Ohira H, Biological Psychology 2007). Dies passt zu der subjektiven Beobachtung vieler Anwender, in stressigen Situationen „weniger angespannt" zu reagieren, ohne dass die kognitive Leistung leidet.
Studienlage zu Stress und Angst
Kimura et al. 2007: Stress-Test im Labor
Kimura, Ozeki, Juneja und Ohira (Biological Psychology 2007) randomisierten 12 gesunde Probanden zu 200 mg L-Theanin, 200 mg Placebo oder Wasser, gefolgt von einer akustischen und kognitiven Stress-Belastung. L-Theanin reduzierte gegenüber Placebo signifikant: Herzfrequenz-Anstieg unter Stress, sIgA-Antwort und subjektive Anspannung. Die Studie ist klein, methodisch aber sauber – und wurde zur Blaupause für viele nachfolgende Arbeiten.
Hidese et al. 2019: RCT bei gesunden Erwachsenen
Hidese S, Ogawa S, Ota M et al. (Nutrients 2019) führten eine randomisierte, placebokontrollierte Vier-Wochen-Studie mit 30 gesunden Erwachsenen durch. 200 mg L-Theanin täglich verbesserten den Schlafqualitäts-Score (PSQI), die Wahrnehmungsleistung im PASAT und reduzierten den Stress-Score signifikant gegenüber Placebo. Die Effektgrößen waren moderat (Cohen's d ≈ 0,3–0,5), die Sicherheit perfekt.
Williams et al. 2020: Systematisches Review
Williams JL, Everett JM, D'Cunha NM et al. (Plant Foods for Human Nutrition 2020) werteten neun RCTs zu L-Theanin und Stress-/Angstparametern aus. Tenor: Bei akutem und subklinischem Stress ist die Evidenz robust und konsistent – Effekt nachweisbar, Sicherheit hervorragend. Bei klinisch diagnostizierten Angststörungen ist die Datenlage dünn und vorläufig.
Sarris et al. 2019: Schizophrenie-Adjuvans
In einer randomisierten Studie (Journal of Clinical Psychiatry) verbesserten 400 mg L-Theanin täglich über acht Wochen als Add-on zur Standardtherapie die positiven Symptome bei schizophrenen Patienten signifikant. Das ist für den allgemeinen Gebrauch nicht direkt relevant, zeigt aber, dass die Substanz auch in klinischer Population sicher und wirksam ist.
Studienlage zu Kognition und Konzentration
Owen, Parnell, De Bruin & Rycroft 2008: Die Klassiker-Kombi-Studie
Owen GN, Parnell H, De Bruin EA & Rycroft JA (Nutritional Neuroscience 2008) untersuchten an 27 Probanden vier Bedingungen: Placebo, 50 mg Koffein, 100 mg L-Theanin und die Kombination beider. Ergebnis: Erst die Kombination verbesserte die Aufmerksamkeit in einer anspruchsvollen Switching-Aufgabe signifikant – Koffein allein nur teilweise, L-Theanin allein gar nicht. Die Kombination reduzierte gleichzeitig die wahrgenommene mentale Müdigkeit und verbesserte die Genauigkeit unter Ablenkung.
Foxe et al. 2012: Vigilanz unter Dauerbelastung
Foxe JJ, Morie KP, Laud PJ et al. (Neuropharmacology 2012) zeigten bei Probanden im Sustained Attention to Response Task (SART), dass 100 mg L-Theanin + 50 mg Koffein die Vigilanz über die Dauer von 90 Minuten besser aufrechterhielten als Koffein allein – die typische Vigilanz-Verfallskurve war abgeflacht.
Kelly et al. 2008: Aufmerksamkeit und P3-Komponente
Kelly SP, Gomez-Ramirez M, Montesi JL & Foxe JJ (Journal of Nutrition 2008) konnten zeigen, dass L-Theanin + Koffein die Amplitude der visuellen P3-Komponente im ereigniskorrelierten Potenzial verstärkt – ein elektrophysiologisches Korrelat verbesserter Aufmerksamkeitsallokation.
Camfield et al. 2014: Meta-Analyse Koffein + L-Theanin
Camfield DA, Stough C, Farrimond J & Scholey AB (Nutrition Reviews 2014) führten eine systematische Übersichtsarbeit über elf RCTs mit der Koffein-L-Theanin-Kombination durch. Ergebnis: Konsistente, kleine bis moderate Effekte auf Aufmerksamkeit, Reaktionszeit und subjektive Wachheit – ohne den typischen Koffein-Anstieg von Herzfrequenz und Blutdruck.
Studienlage zu Schlaf
L-Theanin ist kein klassisches Hypnotikum. Es induziert keinen Schlaf – es senkt die Hürde, in den Schlaf zu finden, indem es das exzitatorische Hintergrundrauschen reduziert.
Lyon et al. 2011: Kinder mit ADHS
Lyon MR, Kapoor MP & Juneja LR (Alternative Medicine Review 2011) untersuchten 98 Jungen mit ADHS-Diagnose über sechs Wochen mit 400 mg L-Theanin täglich (2 × 200 mg). Objektive Aktigraphie-Daten zeigten eine signifikante Verbesserung der Schlafeffizienz und der prozentualen Schlafzeit – keine Veränderung der Einschlaflatenz, aber weniger nächtliches Aufwachen.
Rao et al. 2015: Übersicht „Safe Natural Sleep Aid"
Rao TP, Ozeki M & Juneja LR (Journal of the American College of Nutrition 2015) fassen die kumulierten Daten zu L-Theanin und Schlaf zusammen: Über mehrere kontrollierte Studien hinweg verbessert L-Theanin in Dosen von 200 bis 400 mg vor dem Schlaf die subjektive und objektive Schlafqualität – nicht durch Sedierung, sondern durch Reduktion der präsomnischen Anspannung.
Hidese-Daten zur Schlafqualität
In der oben zitierten Hidese-Studie 2019 verbesserte sich der PSQI-Score über vier Wochen täglicher Einnahme – ein Effekt, der für eine nicht-sedierende Substanz bemerkenswert ist.
Die Koffein-Synergie im Detail
Die mit Abstand am besten dokumentierte Anwendung von L-Theanin ist die Kombination mit Koffein – meist im Verhältnis 2:1 (200 mg L-Theanin + 100 mg Koffein) oder 1:1 (100 mg + 100 mg). Diese Mischung ist im Prinzip das, was passiert, wenn man drei bis vier Tassen hochwertigen grünen Tee trinkt: viel L-Theanin, moderate Koffein-Dosis – und das Ergebnis ist eine konzentrative Wachheit, die weder die Zappeligkeit von zu viel Espresso noch die schläfrige Lethargie nach einem schweren Mittagessen hat.
Was passiert biochemisch: Koffein blockiert die Adenosin-A1- und A2A-Rezeptoren – das ist der bekannte „Wach-Effekt", der allerdings auch Herzfrequenz, Blutdruck, Tremor und Reizbarkeit erhöht. L-Theanin dämpft genau die exzitatorischen Folgen dieser Adenosin-Blockade, ohne die kognitive Vigilanz-Wirkung zu mindern. Das ist in mehreren EEG-, Verhaltens- und kardiovaskulären Studien (Haskell et al. 2008, Giesbrecht et al. 2010, Einöther & Martens 2013) nachweisbar. Praktisch heißt das: Wer auf Koffein mit Herzklopfen, Nervosität oder Zittern reagiert, kann durch die Beigabe von 200 mg L-Theanin diese Nebenwirkungen typischerweise spürbar reduzieren – ohne den Wach-Effekt zu opfern.
| Anwendung | L-Theanin | Koffein | Wirkprofil |
|---|---|---|---|
| Konzentrierter Arbeitsbeginn | 200 mg | 100 mg | Fokus ohne Zappeligkeit |
| Lernen vor Prüfungen | 200 mg | 80 mg | Konzentration plus reduzierte Angst |
| Pre-Workout (mental) | 200 mg | 150–200 mg | Wachheit, weniger Pre-Workout-Nervosität |
| Sport im Wettkampf | 100 mg | 200–300 mg | Reaktionszeit ohne Tremor |
| Nachmittags-Café-Ersatz | 200 mg | 50 mg | Aufmerksamkeit ohne abendliche Schlafstörung |
Details zu Koffein-Dosierung und Timing findest du in unserem Koffein-Pre-Workout-Artikel.
Dosierung und Anwendung
| Ziel | Dosis | Timing | Dauer |
|---|---|---|---|
| Akuter Fokus (mit Koffein) | 100–200 mg | 30 min vor Aufgabe | bei Bedarf |
| Stressreduktion akut | 200 mg | 30–45 min vor Stressor | bei Bedarf |
| Allgemeine Anti-Stress-Wirkung | 200–400 mg/Tag | morgens und mittags | ab 2 Wochen |
| Einschlafhilfe | 200–400 mg | 30–60 min vor dem Bett | ab 1 Woche |
| ADHS-adjuvant (Erwachsene) | 200 mg | 2× täglich | ab 4 Wochen |
L-Theanin wirkt akut – die meisten Effekte sind nach 30 bis 45 Minuten messbar und halten drei bis vier Stunden. Im Gegensatz zu Ashwagandha oder Rhodiola muss es nicht „aufgesättigt" werden, kann aber bei täglicher Einnahme über Wochen einen kumulativen Anti-Stress-Effekt entfalten.
Einnahme mit oder ohne Nahrung – beide Varianten funktionieren, mit Nahrung ist die Resorption etwas verzögert, aber nicht reduziert. Vor dem Schlaf am besten mit etwas Wasser, idealerweise 30 bis 60 Minuten vor dem Zubettgehen.
Vergleich mit Alternativen
Wer „Anti-Stress" oder „besseren Schlaf" sucht, hat reichlich Auswahl. Hier die ehrliche Einordnung von L-Theanin im Vergleich:
| Substanz | Wirkprofil | Akut/chronisch | Sedierung | Beste Anwendung |
|---|---|---|---|---|
| L-Theanin | Entspannte Wachheit, Stress-Puffer | beides | nein | Tagsüber, vor Stress, mit Koffein |
| Ashwagandha (KSM-66) | Chronische HPA-Achsen-Modulation | chronisch (4–8 Wo) | leicht | Chronischer Stress, Cortisol-hoch |
| Rhodiola Rosea | Stimmungs- und Energie-Adaptogen | beides | nein | Burnout, mentale Erschöpfung |
| Magnesium Bisglycinat | GABA-Cofaktor, Muskel-Relax | chronisch | leicht | Schlaf, muskuläre Verspannung |
| Glycin | Schlafqualität, Tiefschlaf | akut | nein bis leicht | Einschlaf, Sleep-Onset |
| Melatonin | Zirkadiane Verschiebung | akut | nein | Jetlag, verzögerter Schlaf |
| GABA oral | Theoretisch attraktiv, geringe Wirksamkeit | – | nein | Eingeschränkt empfehlenswert |
| CBD | Anti-Anxiety, hochdosiert | akut | leicht | Akute Angst, teurer |
L-Theanin sticht heraus durch die seltene Eigenschaft, gleichzeitig zu beruhigen und zu fokussieren – kein anderes Supplement im Direktvergleich kombiniert beides so klar. Für reinen Schlaf ist Magnesium Bisglycinat oder Glycin oft die einfachere Wahl; für chronischen Stress über Wochen ist Ashwagandha studienseitig stärker. Aber für die akute Fokus-Stress-Brücke ist L-Theanin praktisch konkurrenzlos.
Worauf du beim Kauf achten solltest
Reines L-Theanin, keine Mischung mit Theanin-Razemat. Im Labor entsteht bei billiger chemischer Synthese das D,L-Razemat – nur die L-Form ist die natürlich vorkommende, aktive Variante. Seriöse Hersteller deklarieren ausdrücklich „L-Theanin", nicht nur „Theanin", und idealerweise mit ≥ 98 Prozent Reinheit.
Suntheanine als Qualitätsmarker. Suntheanine ist die patentierte enzymatisch hergestellte Markenware der japanischen Firma Taiyo, die in den meisten Wirksamkeitsstudien verwendet wurde. Sie ist isomerenrein und teurer – wer auf Studien-äquivalente Ware Wert legt, achtet auf das Suntheanine-Logo. Für den Alltagsbedarf ist auch hochwertiges Generika-L-Theanin völlig ausreichend, sofern Reinheit und Herkunft dokumentiert sind.
Dosierung pro Kapsel. Studien-Dosis sind 100 bis 200 mg – Produkte mit nur 50 mg pro Kapsel sind ineffizient. 200 mg pro Kapsel ist der Industriestandard für vernünftige Anwendung.
Keine unnötigen Zusätze. Reines L-Theanin in einer Cellulose- oder HPMC-Kapsel braucht keinen Süßstoff, kein Magnesiumstearat in fragwürdiger Menge, keine bunten Farbstoffe. Je kürzer die Zutatenliste, desto besser.
Analysenzertifikat bei der Charge. Seriöse deutsche und europäische Anbieter geben auf Anfrage oder direkt auf der Website Reinheitsanalysen heraus. Wer das verweigert, hat in der Regel etwas zu verbergen.
Vorsicht bei „Tea Extract" als Quelle. Manche Hersteller verkaufen statt reines L-Theanin einen grünen Teeextrakt, der nur einen Bruchteil L-Theanin enthält und mit Catechinen, Koffein und anderem Tee-Material vermischt ist. Das ist nicht falsch, aber etwas ganz anderes – und in der Dosierung schwer kontrollierbar.
Sicherheit und Nebenwirkungen
L-Theanin gehört zu den sichersten Nootropika überhaupt. In Tierstudien wurden Dosierungen bis 4.000 mg/kg ohne Toxizität getestet – das entspricht extrapoliert weit jenseits jeder humanen Anwendungsdosis. Die FDA hat L-Theanin den GRAS-Status („Generally Recognized as Safe") zuerkannt, die EFSA hat keine Sicherheitsbedenken bei den üblichen Dosen geäußert.
In klinischen Studien mit bis zu 900 mg täglich über mehrere Wochen wurden keine relevanten Nebenwirkungen berichtet. Selten kommt es zu leichten Kopfschmerzen, leichter Übelkeit oder Schwindel – fast immer bei sehr hohen Einzeldosen oder bei sehr empfindlichen Personen.
Wechselwirkungen sind rar. Vorsicht ist theoretisch bei gleichzeitiger Einnahme von blutdrucksenkenden Medikamenten geboten, weil L-Theanin in hohen Dosen den Blutdruck leicht senken kann – ein klinisch relevantes Problem wurde aber nicht berichtet. Bei Stimulanzien (Methylphenidat, Amphetamine) ist die Kombination weitgehend unproblematisch und wird in der ADHS-Forschung sogar als „Sanftmacher" gegen Nebeneffekte eingesetzt.
Schwangere und stillende Frauen sollten L-Theanin als Supplement mangels Daten meiden – moderater grüner Teekonsum ist hingegen unbedenklich.
Häufige Fehler bei der L-Theanin-Anwendung
Zu niedrige Dosis. „Eine Kapsel zu 50 mg" liegt unterhalb der Studien-Wirkdosis. Die EEG-, Stress- und Kognitions-Effekte beginnen reproduzierbar ab 100 mg, optimal ab 200 mg.
Erwartung sedativer Wirkung. L-Theanin ist kein Schlafmittel und kein Beruhigungsmittel im Sinne eines Benzodiazepins. Wer eine „sofortige Müdigkeit" erwartet, wird enttäuscht sein. Der Effekt ist subtil – ein Reduzieren des Hintergrundrauschens, kein Knockout.
Solo statt synergistisch eingesetzt. L-Theanin allein im Alltag ohne Koffein-Kontext ist gut, aber die spektakulärsten Effekte hat die 2:1-Kombination mit Koffein. Wer nur L-Theanin nimmt und keine messbare Wirkung spürt, sollte einmal die Kombination ausprobieren.
Falsches Timing. Für Fokus 30 Minuten vor der Aufgabe, für Schlaf 30 bis 60 Minuten vor dem Bett. Direkt einnehmen und sofort eine Wirkung erwarten funktioniert nicht.
Billig-Tea-Extrakt statt reines L-Theanin. Ein „grüner Tee Extrakt mit Theanin" liefert oft nur 20 bis 50 mg L-Theanin pro Kapsel, gemischt mit Koffein und Catechinen – schwer dosierbar und nicht studien-äquivalent.
Fazit: L-Theanin evidenzbasiert eingeordnet
L-Theanin ist eines der seltenen Supplemente, bei denen Wirkversprechen und Studienlage tatsächlich zusammenpassen. Die EEG-Daten zur Alpha-Wellen-Steigerung sind reproduzierbar, die akute Stress-Pufferung in mehreren RCTs nachgewiesen, die Synergie mit Koffein zur Aufmerksamkeitssteigerung gehört zu den am besten dokumentierten Nootropika-Effekten überhaupt – mit kleinen bis moderaten Effektgrößen, aber bei einem Sicherheitsprofil, das praktisch nicht zu schlagen ist.
Wer als Wissensarbeiter, Student oder Sportler den Tag mit Koffein beginnt und unter Nervosität, Tremor oder Konzentrationsabbruch leidet, sollte 200 mg L-Theanin in die Morgenroutine integrieren – idealerweise im Verhältnis 2:1 zur Koffein-Dosis. Die Wahrscheinlichkeit, eine spürbare Verbesserung des Wirkprofils zu erleben, ist hoch.
Wer chronischen Hintergrundstress hat, kann L-Theanin in 200 bis 400 mg täglich über mehrere Wochen versuchen – realistisch ist eine moderate Reduktion der Stresswahrnehmung und eine bessere Schlafqualität, kein dramatischer Effekt. Wer einen wirklich tiefen, chronischen Cortisol-Reset will, ist mit Ashwagandha oder Rhodiola besser bedient.
Wer Schlafprobleme hat, kann L-Theanin als ergänzende, nicht-sedierende Option zu Magnesium Bisglycinat oder Glycin testen – 200 bis 400 mg etwa eine Stunde vor dem Schlaf, ohne Risiko einer morgendlichen Restmüdigkeit.
Und wer einfach drei Tassen guten grünen Tee am Tag trinkt, bekommt diese ganze Pharmakologie als Nebeneffekt mitgeliefert – ohne eine einzige Kapsel zu schlucken.
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