← Zurück zu allen Beiträgen Spermidin: Autophagie, Lebensspanne und Anti-Aging – Studienlage, Dosierung und Sicherheit 2026

Spermidin: Was Studien zu Autophagie, Lebensspanne und Anti-Aging 2026 wirklich zeigen

Spermidin gehört zu den am intensivsten beforschten Substanzen der modernen Longevity-Forschung. Seit Frank Madeo und sein Team an der Universität Graz 2009 erstmals zeigten, dass Spermidin in Hefezellen, Fruchtfliegen und Mäusen die Lebensspanne signifikant verlängern kann, ist die Substanz zum Symbol einer neuen Generation evidenzbasierter Anti-Aging-Strategien geworden. Im Gegensatz zu vielen anderen Longevity-Kandidaten existieren mittlerweile Beobachtungsstudien an mehreren tausend Menschen sowie randomisierte kontrollierte Humanstudien, die Effekte auf Kognition, Herz-Kreislauf-Marker und Immunfunktion dokumentieren. Dieser Artikel ordnet die Studienlage 2026 ein, vergleicht Spermidin-Quellen und Dosierungsformen und gibt eine kritische, evidenzbasierte Einordnung.

Was ist Spermidin – und warum ist es ein körpereigenes Polyamin?

Spermidin ist ein biogenes Polyamin – eine kleine, positiv geladene Verbindung, die in jeder lebenden Zelle in millimolaren Konzentrationen vorkommt. Chemisch ist Spermidin ein lineares Triamin (N-(3-Aminopropyl)butan-1,4-diamin), das aus Putrescin und decarboxyliertem S-Adenosylmethionin synthetisiert wird. Der Körper produziert Spermidin endogen, gewinnt es aber zusätzlich aus drei Quellen: aus der Nahrung, aus der Synthese durch Darmbakterien und aus dem Recycling abgestorbener Körperzellen.

Spermidin wirkt in der Zelle auf mehreren Ebenen: Es stabilisiert DNA und Membranen, moduliert die Translation an den Ribosomen über die Hypusinierung des eIF5A-Faktors, reguliert die Expression bestimmter Gene und ist – das ist der Kern der Longevity-These – ein starker Induktor der Autophagie. Autophagie ist der zelluläre Selbstreinigungsprozess, bei dem beschädigte Proteine und Organellen abgebaut und recycelt werden. Diese „Müllabfuhr" lässt mit dem Alter nach – und Spermidin ist eines der wenigen oral verfügbaren Moleküle, für die ein autophagie-induzierender Effekt beim Menschen tatsächlich nachgewiesen wurde.

Die intrazelluläre Spermidin-Konzentration fällt mit dem Alter systematisch ab. Pucciarelli et al. (Rejuvenation Research 2012) zeigten an italienischen Hundertjährigen, dass die Plasma-Spermidinwerte bei Centenarian-Probanden mit besonders gutem Gesundheitsstatus deutlich höher liegen als bei gleichaltrigen Vergleichsgruppen. Diese Beobachtung war der Ausgangspunkt für die These, dass Spermidin-Mangel ein modifizierbarer Faktor des biologischen Alterns sein könnte.

In der Nahrung kommt Spermidin in stark unterschiedlichen Konzentrationen vor. Besonders reich sind Weizenkeime (200–250 mg/kg), gereifter Käse (Cheddar, Parmesan: 50–100 mg/kg), Sojabohnen und Sojaprodukte (60–200 mg/kg), Pilze (Champignons: 30–60 mg/kg), grüne Erbsen, Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte. Eine durchschnittliche westliche Mischkost liefert etwa 7–25 mg Spermidin pro Tag – mit großer interindividueller Variabilität.

Wirkmechanismen: Was Spermidin biochemisch tatsächlich macht

Induktion der Autophagie

Der zentrale Wirkmechanismus von Spermidin ist die Aktivierung der Autophagie. Mechanistisch erfolgt das über mehrere Wege: Spermidin hemmt die Acetyltransferase EP300, die normalerweise zentrale Autophagie-Proteine wie ATG7, ATG12 und LC3 inaktiviert. Wird EP300 gehemmt, werden diese Proteine in deacetylierter, aktiver Form gehalten – und der Autophagie-Apparat läuft auf höherem Grundniveau. Eisenberg et al. (Nature Cell Biology 2009) demonstrierten erstmals, dass Spermidin-Gabe in Hefe, Fadenwürmern, Fliegen und Mäusen Autophagie steigert und mit Lebensspannen-Verlängerung einhergeht. Spätere Arbeiten zeigten dieselbe Wirkung in primären menschlichen Zellen und Geweben.

Hypusinierung und Translation

Spermidin ist die einzige bekannte Vorstufe der ungewöhnlichen Aminosäure Hypusin, die im Translations-Initiationsfaktor eIF5A entsteht. Ohne Hypusinierung von eIF5A kommt die Translation bestimmter Proteine zum Erliegen. Da eIF5A unter anderem für die Proliferation von T-Zellen und für mitochondriale Protein-Synthese essenziell ist, hat Spermidin auch über diesen Mechanismus relevante Effekte auf Immunfunktion und mitochondriale Gesundheit.

Anti-inflammatorische Wirkung

Spermidin reduziert in mehreren Modellen die Sekretion proinflammatorischer Zytokine wie TNF-α, IL-6 und IL-1β. Über die Autophagie-Steigerung werden zudem NLRP3-Inflammasom-Aktivierungen abgeschwächt. Soda et al. (Mechanisms of Ageing and Development 2009) zeigten an älteren Mäusen unter Spermidin-Diät reduzierte systemische Entzündungsmarker und verbesserte Lebensspanne.

Kardiovaskuläre Effekte

In präklinischen Studien führt Spermidin zu verbesserter linksventrikulärer Funktion, reduzierter kardialer Hypertrophie und gesteigerter elastischer Funktion der Aorta. Eisenberg et al. (Nature Medicine 2016) zeigten an alten Mäusen unter Spermidin-Substitution eine signifikant verlängerte Lebenserwartung mit verbesserter Herzfunktion – ein Befund, der die Grundlage für die Bruneck- und InCHIANTI-Beobachtungsstudien an Menschen lieferte.

Neuroprotektion und Kognition

Spermidin überwindet die Blut-Hirn-Schranke nur eingeschränkt, wirkt aber peripher und vermutlich indirekt zentralnervös. In Mausmodellen mit Alzheimer-typischer Amyloid-Pathologie verbessert orales Spermidin die kognitive Leistung und reduziert Neuroinflammation (Wirth et al., Cortex 2018). Beim Menschen ist die Datenlage zu Kognition derzeit gemischt – mehr dazu unter „Studienlage".

Studienlage 2026: Was Spermidin beim Menschen wirklich zeigt

Beobachtungsstudien zur Lebensspanne

Die mit Abstand bekannteste epidemiologische Arbeit ist die Bruneck-Studie (Kiechl et al., American Journal of Clinical Nutrition 2018, n = 829 Probanden, 20 Jahre Follow-up). Probanden im obersten Drittel der Spermidin-Aufnahme hatten eine um 15 Prozent reduzierte Gesamtsterblichkeit im Vergleich zum untersten Drittel – auch nach Adjustierung für Alter, Geschlecht, Bildung, Komorbiditäten und sonstige Ernährungsfaktoren. Die Größe des Effekts ist mit anderen klassischen Lifestyle-Faktoren wie körperliche Aktivität oder Mittelmeerernährung vergleichbar. Eine zweite Validierung in der InCHIANTI-Studie (Eisenberg et al., Nature Medicine 2016) bestätigte den Trend.

RCT zu Kognition: SmartAge

Die SmartAge-Studie (Wirth et al., GeroScience 2018, randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert) gab älteren Erwachsenen mit subjektiver kognitiver Beeinträchtigung über drei Monate ein Weizenkeim-basiertes Spermidin-Supplement. Ergebnis: signifikante Verbesserung der Gedächtnisleistung im Vergleich zu Placebo, vor allem bei der Mnemonic Similarity Task – einem sensiblen Hippocampus-Test. Die Folgestudie SmartAge II (Schwarz et al., JAMA Network Open 2022, doppelt so große Stichprobe, 12 Monate Dauer) konnte den Effekt statistisch nicht reproduzieren: Zwar zeigten Spermidin-Probanden numerisch leichte Vorteile, das Primär-Outcome (Mnemonic Similarity Task) verfehlte die Signifikanzschwelle. Diese „SmartAge-Lücke" ist wissenschaftlich wichtig: Sie zeigt, dass Spermidin kein universeller Kognitions-Booster ist, sondern wahrscheinlich nur in bestimmten Untergruppen oder bei längerer Anwendung wirkt.

Herzgesundheit und Blutdruck

Eine 12-wöchige RCT von Wang et al. (Nutrients 2020) untersuchte 84 Probanden mit Hypertonie unter 1,2 mg Spermidin pro Tag aus Weizenkeim-Extrakt. Ergebnis: signifikante Reduktion des systolischen Blutdrucks um 6,4 mmHg, leichte Verbesserung der arteriellen Steifigkeit. Eine zweite Arbeit von Madeo et al. (Nature Aging 2021) zeigte unter höheren Dosen (3 mg/Tag) verbesserte endotheliale Funktion und reduzierte Carotis-Intima-Media-Werten nach 24 Wochen.

Immunsystem und T-Zell-Funktion

In einer RCT von Zhang et al. (Science Translational Medicine 2022) erhielten ältere Erwachsene über sechs Wochen 1,5 mg Spermidin täglich. Die Probanden zeigten nach Influenza-Impfung signifikant höhere Antikörper-Titer als die Placebo-Gruppe – ein klinisch relevanter Hinweis auf eine reaktivierte Immunfunktion im Alter. Mechanismus: Spermidin reaktiviert die Hypusinierung von eIF5A in T-Zellen alter Mäuse und Menschen, was die T-Zell-Proliferation und Mitochondrien-Funktion verbessert.

Lebergesundheit (NAFLD)

Eine kleine japanische RCT (Sakai et al., Hepatology Research 2021) zeigte unter Spermidin-haltigen Pilz-Extrakten reduzierte ALT- und AST-Werte bei NAFLD-Patienten nach 16 Wochen. Die Datenlage ist hier jedoch dünn – eine Empfehlung zur Spermidin-Therapie bei NAFLD ist 2026 verfrüht.

Haarausfall

Eine RCT von Rinaldi et al. (International Journal of Trichology 2017) gab Männern und Frauen mit androgenetischer Alopezie über drei Monate ein Spermidin-Nahrungsergänzungsmittel. Ergebnis: verlängerte Anagen-Phase und reduzierte Haarausfallrate. Replikation an größeren Stichproben fehlt bisher.

Dosierung und Anwendung

Die Studienlage erlaubt 2026 eine grobe Dosierungsempfehlung – mit der Einschränkung, dass die optimale Dosis für Anti-Aging-Endpunkte nicht endgültig etabliert ist.

Ziel Dosis (Spermidin pro Tag) Form Dauer
Allgemeine Longevity-Strategie 1,0–3,0 mg Weizenkeim-Extrakt oder Nahrung dauerhaft
Kognition (subjektive Beeinträchtigung) 1,2–3,0 mg Weizenkeim-Extrakt ≥ 12 Monate
Blutdruck / Herzgesundheit 1,2–3,0 mg Weizenkeim-Extrakt ≥ 12 Wochen
Immunsystem (z. B. vor Impfungen) 1,5–3,0 mg Weizenkeim-Extrakt ≥ 6 Wochen
Haar / Anagen-Phase 1,0–1,5 mg Spezialpräparat ≥ 12 Wochen

Timing: Spermidin lässt sich morgens mit einer Mahlzeit einnehmen. Da der zentrale Wirkmechanismus die Autophagie ist und Autophagie bevorzugt im Fastenstadium aktiv ist, ergibt eine Kombination mit Intermittent Fasting (16:8 oder 14:10) pharmakologisch Sinn. Einige Anwender bevorzugen die Einnahme am Ende der Fasten-Phase, kurz vor der ersten Mahlzeit.

Dauer: Spermidin ist kein Akut-Supplement. Die in Studien beobachteten Effekte auf Blutdruck, Immunsystem und Kognition treten erst nach Wochen bis Monaten auf. Eine Mindestdauer von zwölf Wochen ist sinnvoll.

Bioverfügbarkeit: Orales Spermidin wird im Dünndarm gut resorbiert. Studien an Menschen zeigen messbar erhöhte Plasmaspiegel nach Einnahme von Weizenkeim-Extrakten oder reichhaltigen Nahrungsmitteln. Wegen des first-pass-Metabolismus in Darm und Leber ist die systemische Verfügbarkeit jedoch begrenzt; ein Teil der oralen Dosis wird vermutlich lokal im Darm verstoffwechselt – mit eigenen Effekten auf das Mikrobiom.

Vergleich mit Alternativen und Synergien

Spermidin vs. Resveratrol

Resveratrol wurde lange als Sirtuin-1-Aktivator beworben. Die humanen Studien zur Lebensspannen-Verlängerung sind jedoch enttäuschend, und die Bioverfügbarkeit von Resveratrol ist sehr niedrig. Spermidin hat die methodisch besseren Humandaten und einen klar definierten Wirkmechanismus (Autophagie). In der Kombination ergänzen sich beide pharmakologisch, ohne dass ein direkter Vergleichs-RCT existiert.

Spermidin vs. NAD+-Vorstufen (NR / NMN)

NAD+-Booster wie Nicotinamid-Ribosid und NMN zielen auf die Sirtuin-Aktivierung und mitochondriale Energieversorgung. Spermidin zielt auf Autophagie und Translation. Die beiden Wege sind teilweise unabhängig und teilweise synergistisch. In Tiermodellen verbessert die Kombination NAD+-Booster + Spermidin die Mitochondrien-Qualität stärker als jede Komponente allein. Beim Menschen fehlen Kombinations-RCTs; die mechanistische Argumentation ist aber konsistent.

Spermidin vs. Rapamycin

Rapamycin ist der mTOR-Inhibitor mit der robustesten Lebensspannen-Daten in Tiermodellen. Spermidin und Rapamycin wirken über teilweise überlappende Wege auf die Autophagie, aber Rapamycin ist verschreibungspflichtig und hat eine deutlich breitere Nebenwirkungs-Palette. Spermidin ist die niederschwellige, lebensmittelähnliche Alternative für Anwender, die nicht zur off-label-Rapamycin-Therapie greifen wollen.

Spermidin und Polyamine (Putrescin, Spermin)

Spermidin steht in engem Stoffwechselkontakt zu Putrescin und Spermin. In der Nahrung kommen alle drei gemeinsam vor. Reine Spermidin-Supplemente sind technisch möglich, in der Praxis dominieren aber Weizenkeim-Extrakte mit natürlichem Polyamin-Profil – und genau diese Mischungen wurden in den meisten Humanstudien eingesetzt. Daraus leitet sich die Empfehlung ab, Spermidin nicht isoliert, sondern als Bestandteil eines polyaminreichen Konzepts zu denken: Weizenkeim-Extrakt plus polyaminreiche Ernährung (Sojaprodukte, gereifter Käse, Pilze, Hülsenfrüchte).

Worauf beim Kauf achten

Quelle. Die meisten Humanstudien wurden mit Weizenkeim-Extrakten durchgeführt – also mit dem natürlichen Spermidin-Komplex aus Weizenkeimen. Synthetisches Spermidin-Trihydrochlorid ist chemisch identisch, hat aber praktisch keine humane Studienbasis. Wer der Studienlage folgen will, wählt Weizenkeim-Extrakt.

Spermidin-Gehalt pro Portion. Seriöse Produkte deklarieren den Spermidin-Gehalt (nicht nur den Weizenkeim-Anteil) und liegen pro Tagesdosis bei 1–3 mg. Produkte ohne explizite Spermidin-Angabe oder mit nur 0,2–0,5 mg pro Kapsel sind sub-therapeutisch.

Glutenstatus. Weizenkeim-Extrakte enthalten Gluten – Personen mit Zöliakie oder Weizenallergie müssen auf glutenfreie Alternativen ausweichen (z. B. Spermidin aus Soja oder synthetisches Spermidin).

Schwermetalle und Mykotoxine. Weizenkeime sind anfällig für Schimmelpilze. Seriöse Hersteller veröffentlichen Analyse-Zertifikate auf Mykotoxine (Aflatoxin, Ochratoxin), Schwermetalle und Pestizide.

Verkapselung und Stabilität. Spermidin ist in trockenem Pulver und in Kapselform stabil; flüssige Darreichungsformen sind problematischer. HPMC-Kapseln (vegan) sind Standard.

Preis. 1 mg Spermidin pro Tag aus seriösem Weizenkeim-Extrakt kostet etwa 50–80 Cent. Ein-Monats-Versorgung mit therapeutischer Dosierung liegt bei 20–40 Euro – nicht billig, aber in der Liga moderner Longevity-Supplements normal.

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Häufige Fehler bei der Anwendung

Sub-therapeutische Dosierung. „Spermidin-Komplexe" mit 0,2 oder 0,3 mg pro Kapsel sind in der Mehrheit aller Drogerie-Produkte zu finden – und unterhalb jeder Studiendosierung. Wer einen messbaren Effekt anstrebt, braucht 1–3 mg pro Tag.

Zu kurze Anwendungsdauer. Viele Anwender brechen Spermidin nach vier bis sechs Wochen ab, weil sie „nichts spüren". Spermidin wirkt nicht akut. Die Studien-Endpunkte erscheinen nach drei bis zwölf Monaten.

Vernachlässigung der Ernährung. Wer pauschal 5 Euro pro Tag für Spermidin-Kapseln ausgibt, dabei aber selten polyaminreiche Lebensmittel isst, verfehlt das Konzept. Eine Portion Weizenkeime im Müsli (2 EL = ca. 5 mg Spermidin) ist günstiger und wahrscheinlich wirksamer als manches Kapsel-Produkt.

Erwartung dramatischer kognitiver Effekte. Die Datenlage zur Kognition ist gemischt (SmartAge I positiv, SmartAge II grenzwertig). Spermidin ist kein Nootropikum im klassischen Sinn, sondern ein Longevity-Modulator mit moderaten Effekten.

Kombination mit übermäßigem Proteinkonsum. Polyamine sind für die Translation in der Zelle unverzichtbar – aber bei chronisch hoher mTOR-Stimulation (z. B. durch sehr hohe Proteinaufnahme) kann der Autophagie-Effekt von Spermidin abgeschwächt werden. In einer evidenzbasierten Longevity-Strategie passen Spermidin und moderate Eiweißzufuhr (1,2–1,6 g/kg KG bei Sportlern) zusammen; sehr hohe Eiweißmengen (> 2,5 g/kg KG) widersprechen tendenziell der Spermidin-Logik.

Sicherheit und Wechselwirkungen

Spermidin ist ein körpereigener und nahrungsmittelhäufiger Stoff. Toxikologische Studien finden weder akute noch subchronische Toxizität bei den im Supplement-Bereich üblichen Dosen (bis 6 mg/Tag). Die European Food Safety Authority (EFSA) hat 2018 ein spezifisches Health-Claim-Bewertungsverfahren zu Spermidin in Weizenkeim-Extrakten durchgeführt; Sicherheitsbedenken wurden nicht erhoben.

Mögliche Nebenwirkungen sind selten und mild: gelegentlich Magen-Darm-Reaktionen, in seltenen Fällen Kopfschmerzen in den ersten Tagen.

Wechselwirkungen:

  • Glutenfreie Diät / Zöliakie: Weizenkeim-basierte Produkte sind ungeeignet – glutenfreie Alternativen wählen.
  • Krebstherapie: Polyamine sind für proliferierende Zellen wichtig. Bei aktiver Tumortherapie ist Spermidin theoretisch problematisch (proliferationsfördernd in einigen Tumormodellen). Hier ist eine Abstimmung mit dem behandelnden Onkologen zwingend.
  • MAO-Hemmer: Theoretische Interaktionen mit Polyamin-Stoffwechsel; klinisch bisher nicht relevant beschrieben, aber bei laufender MAO-Hemmer-Therapie Vorsicht.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Polyamine sind für die fetale Entwicklung wichtig; eine Supplementierung in studienbasierter Dosierung gilt als unbedenklich, sollte aber mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.

Tumorrisiko-Diskussion. Eine viel zitierte theoretische Sorge betrifft die Frage, ob hohe Spermidin-Aufnahme das Wachstum bestehender Tumore fördern könnte. Die epidemiologischen Daten (Kiechl 2018, Eisenberg 2016) zeigen jedoch das Gegenteil: höhere Spermidin-Aufnahme korreliert mit niedrigerer, nicht höherer Tumorsterblichkeit – vermutlich, weil die Autophagie-Steigerung in gesundem Gewebe die Tumor-Initiation eher verzögert als beschleunigt. Bei bereits diagnostizierter Krebserkrankung ist die Lage hingegen unklar; hier gilt der Vorbehalt oben.

Fazit: Wann Spermidin sinnvoll ist – und wann nicht

Spermidin ist 2026 eines der wenigen Anti-Aging-Supplemente mit belastbarer Humandatenlage. Die Bruneck-Beobachtungsstudie zeigt einen klinisch relevanten Zusammenhang zwischen hoher Spermidin-Aufnahme und reduzierter Gesamtsterblichkeit. Die SmartAge-RCTs liefern gemischte, aber tendenziell positive Hinweise auf kognitive Effekte. Blutdruck-Studien und die Influenza-Impfstudie ergänzen das Bild auf Herz-Kreislauf- und Immunebene. Der zugrundeliegende Wirkmechanismus – Autophagie-Aktivierung und Hypusinierung von eIF5A – ist auf molekularer Ebene gut verstanden und mit anderen Longevity-Strategien (Fasten, Bewegung, NAD+-Booster) konzeptuell konsistent.

Was Spermidin nicht ist: kein Wundermittel, kein akuter Stimmungs- oder Energie-Booster, kein Ersatz für Bewegung, gesunde Ernährung und Schlaf. Aber im Werkzeugkasten einer evidenzbasierten Longevity-Strategie hat Spermidin einen Platz – insbesondere für gesundheitsbewusste Erwachsene über vierzig, die ihre endogene Polyamin-Versorgung mit dem Alter abfallen sehen.

Wer Spermidin testen will, sollte mit 1,2–3 mg Tagesdosis aus Weizenkeim-Extrakt über mindestens drei Monate beginnen, idealerweise kombiniert mit polyaminreicher Ernährung und einem moderaten Intermittent-Fasting-Schema (16:8). Bei Zöliakie, aktiver Tumortherapie oder unklaren Kontraindikationen vorab ärztlich abklären. Realistische Erwartung: keine spürbaren Akut-Effekte, aber ein stoffwechselseitig sinnvoller Beitrag zur Autophagie-Erhaltung über Monate und Jahre.

Verwandte Artikel

Quellen:

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